Mittwoch, 6. Oktober 2010

Der Weiße rennt…


 vorweg: heute gibt es viel zu meiner Arbeit, wen das nicht so interessiert, der kann einfach drumherum lesen. Der Teil ist makiert.

…warum? So oder so ähnlich könnten die Gedanken einiger Tansanier lauten, wenn Raphael und ich mal wieder nach getaner Arbeit unsere Turnschuhe schnüren und uns wieder eine andere Himmelsrichtung aussuchen, die wir laufend erkunden wollen. Die fragenden Gesichter zeigen Verwunderung und die Blicke folgen uns meistens noch viele Meter. Witzig wird es, wenn sich eine Horde Kinder kurzerhand lachend und neugierig den beiden Weißen bei ihrer Freizeitbeschäftigung anschließt, ernüchternd, wenn wir realisieren, dass auch nach mehreren hundert Metern die Kinder noch quietsch fiedel neben uns her laufen, wo wir schon schnaufen und schwitzen. Die einzige Ausrede ist für unser Ego die Höhe mit ca. 1800m MSL, die uns zwar die lästigen Mücken vom Leib hält, aber bei sportlichen Aktivitäten ungewohnt ist. Trotz der Anstrengung überwiegt aber die Faszination, die von unserem Umfeld ausgeht. Wir laufen durch ein kleines Dorf. Hier gibt es keinen Stromanschluss mehr. Die Lehmhäuser werden weniger und um uns herum erstrecken sich leichte Gebirgszüge. Ein „Wazungu“-Ruf schallt von einem der kleinen Felder, wo immer Leute fleißig sind. Die Umgebung ist trocken, aber trotzdem geht von ihr eine gewaltige Faszination aus. Es stehen immer wieder grüne riesige Bäume in der Landschaft, die auf eine Jahrhunderte lange Geschichte zurückblicken lassen und zum Klettern einladen. Ob sie wohl schon mal einen Weißen gesehen haben? Doch irgendwann ist der Punkt gekommen. Die Sonne steht tief und wir müssen wieder zurück, denn ist sie erst mal untergegangen haben wir nur noch den unglaublichen Sternenhimmel. Keine Ahnung wo wir sind, also bleibt uns nur den gleichen Weg zurückzulaufen. Die Orientierung ist schwer in einer Umgebung in der für uns alles so gleich und doch so anders aussieht, wo wir doch an Häuser und Straßen gewöhnt sind. Wieder Zuhause angekommen kommt der Atem langsam wieder. Noch etwas Essen, vielleicht ein wenig Vokabeln lernen und noch einen gemeinsamen Film zum Ausklang des Abends, dann kommt auch schon das Bett. Ein letzter Gedanke an den Tag zeigt: Hier bin ich gerne!



Nachwuchs
Mittlerweile sind wir schon in unserer dritten Woche in Mafinga. In unserem Haus haben wir uns schon eingerichtet und unsere kleine Farm nimmt Konturen an. Denn seit meinem Geburtstag sind wir Besitzer zweier kleiner Schweine. Zwei kleine Eber namens Mr. M und Mr. L (Die Namen sind aus personenschutzrechtlichen Gründen zensiert).  Allein schon das Besorgen des Futters für die beiden wäre ein Geschichte wert. Die Geschichte erspare ich euch aber heute. Außerdem sind wir letzte Woche auch Eltern von 8 Küken geworden. Selbst der Basilikum und die Tomaten, die wir in aufgeschnittene Wasserflaschen gesät haben keimen schon. Sobald die Regenzeit kommt sollen dann auch unsere Felder, die um unser Haus herum liegen, bearbeitet werden. Gestern hat mir Matthew die Unterkunft der Schüler gezeigt. Er wohnt in einem Zimmer mit 3 anderen Schülern. Das ist schon ein echter Luxus hier. Die meisten anderen Schüler schlafen in einem großen Schlafsaal. Es bedarf auch keiner Schränke, da das gesamte Hab und Gut in einer kleinen Tasche neben dem Bett ist.
Das hat mir mal wieder gezeigt, wie sehr wir uns in unserem Haus von den Schülern abheben. Das ist schon ein wenig schade, dass wir das Vorurteil des reichen Weißen ohne Einschränkungen bestätigen, aber es entspricht einfach der Wahrheit, wir isnd extrem reich und können uns hier mit unseren 150€, die wir monatlich zu Verfügung haben einfach ein ganz anderes Leben leisten.

-HIER KOMMT DER LANGE TEIL ZU MEINER AKTUELLEN ARBEIT, WER KEINE LUST HAT EINFACH SKIPPEN UND UNTEN WEITERLESEN-

Außerdem kehrt jetzt auch so langsam wieder Leben in die Schule ein. Seit Montag letzter Woche sind die Ferien beendet und jeden Tag kehren mehr und mehr Schüler zurück. Es heißt jetzt ist ca. ein Drittel der Schüler zurück. Der Rest kratzt noch das Geld für die Schulgebühren zusammen. Die letzte Woche haben wir damit verbracht in der Werkstatt des Renewable Energy Departments zu arbeiten und die Abläufe dort kennenzulernen. Am Ende der Woche waren wir dann auch so weit, dass wir beim Schweißen der Solarheater mithelfen konnten. Unsere Schweißnähte gewinnen zwar noch keinen Schönheitswettbewerb, aber sie erfüllen ihren Zweck. Außerdem ist es für Kisukuli immer ein Spaß seine Schweißnähte mit unseren zu vergleichen. So ganz glücklich sind wir aber mit unserer Arbeit noch nicht. So sind wir die meiste Zeit leider doch noch unfreiwillige Zuschauer, da es an Werkzeug, Material und auch noch am Know-How mangelt um richtig arbeiten zu können. Außerdem sind wir ja auch nicht gekommen um in funktionierende Abläufe einzusteigen, sondern da anzufassen, wo die Dinge noch nicht so gut laufen. So haben wir mit Nyambulapi auch vereinbart, dass wir die Nachmittage dafür nutzen Kiswahili zu lernen. Und mittlerweile spielt sich hier auch schon eine Routine ein und es gibt jeden Tag mehr zu tun. Im Moment arbeiten wir eigenständig an unserem ersten Solartankheater.

Mr. Maseleka war auch zurück und so hatten wir am Montag letzter Woche direkt morgens ein Gespräch zur Arbeit des RE-Departments. Dazu haben wir uns dann mit Nyambulapi und Kisukuli bei Mr. Maseleka im Büro getroffen. Die Besprechung war zwar komplett auf Kiswahili und deshalb für uns noch nicht bis ins letzte Detail verständlich, aber die Hauptaufgaben haben wir schon verstanden und im Nachhinein auch nochmals mit Nyambulapi besprochen, um uns wirklich sicher sein zu können. Es gibt viele Aufgaben für das RE Department, bei denen wir prinzipiell mithelfen können. Das Hauptziel für dieses Jahr ist es nun endlich nach 3 Jahren Durststrecke die Produktion der Windgeneratoren voranzutreiben und 10 Windräder zu bauen und aufzustellen. Nach alledem was ich davon bisher gehört hatte war ich schon sehr skeptisch, als ich das erste Mal noch in Dar von diesem Ziel gehört habe und bin auch immer noch nicht komplett überzeugt. Aber trotzdem war ich überrascht über die Initiative, die Mr. Maseleka jetzt ergriffen hat, ohne den hier kein Projekt zu verwirklichen ist. Er hat die Kommunikation mit der DTP aufgebaut und um einen Kredit gebeten, von dem Magneten für die Windgeneratoren gekauft werden sollen. Nach allen Erfahrungen mit der Schule hat die DTP einige Auflagen gestellt, die helfen sollen, dass das Geld auch sinnvoll genutzt wird und innerhalb von einem Jahr den Weg zurück zur DTP findet. Dazu gehört eine genaue Kostenkalkulation der gesamten Windgeneratoren, ein Arbeitsplan, der zeigt, wann was von wem gebaut wird und nicht zuletzt eine Kopie der Bestellung mit den exakten Angaben zu den Magneten, da in den vergangen Jahren auch schon mal ein riesen Paket mit den falschen Magneten gekommen ist.

Mr. Maseleka hat Nyambulapi die Aufgabe gegeben die Auflagen schnellstmöglich zu erfüllen und diesen Vorbereitungen höchste Priorität eingeräumt, sodass Nyambulapi noch am Montag mit uns beiden angefangen hat eine genaue Kostenkalkulation aufzustellen. Nach dem Seminar war es für uns kein Problem mehr eine genaue Kostenaufstellung zu machen, die am Ende sehr detailliert  wurde und schon einen kleinen Businessplan beinhaltet. Am Dienstagabend noch hat Mr. Maseleka dann die Kostenkalkulation zur DTP geschickt. Seitdem gab es leider ein wenig Leerlauf, bevor wir dann vorgestern Abend noch bis spät zusammen mit Kisukuli und Nyambulapi am Arbeitsplan gearbeitet haben.  Noch ist er nicht fertig. Aber die Zusammenarbeit dazu ist sehr konstruktiv und ideenreich, wobei es viele Probleme zu lösen und zu berücksichtigen gibt. Ich sehe kein Problem 10 Generatoren in einem Jahr zu bauen, wenn (!) das Material vorhanden ist, denn das Knowhow und das handwerklich Geschick sind vorhanden. Vielmehr die Organisation rund um den Bau bedarf genauer Planung. So haben wir uns vorgestern einige Wege einfallen lassen, wie wir das Material für die ersten Turbinen auftreiben können, damit wir nicht immer nur von der Hand in den Mund leben, denn Material für ein Generator ist wohl größtenteils an der Schule vorhanden. Aber um wirklich 10 Generatoren in einem Jahr produzieren zu können ist es nicht möglich nach der Fertigstellung der ersten Turbine auf die Installation und die Bezahlung zu warten, bevor wir Material für den zweiten Generator kaufen können um mit dem Bau zu beginnen. Dadurch würde zu viel Leerlauf entstehen und der Zeitplan könnte nicht eingehalten werden. Ein großes Problem ist deshalb die aktuelle finanzielle Lage der Schule, die nachdem sie jetzt einen Kredit von 2007 zurückzahlen musste weder Lehrkräfte bezahlen kann, noch Geld für die Departments hat, von dem wir Material vorstrecken könnten. Eine unvorstellbare Lage, dass die Lehrer im Moment alle hier unbezahlt arbeiten und das ist nicht das erste Mal. Deshalb versucht die Schule im Moment Bäume zu verkaufen, um wieder an finanzielle Mittel zu gelangen. Außerdem müssen natürlich auch noch die Installation der Anlagen und der Bau der dazugehörigen Elektronik mit in unsere Arbeitsplanung einbezogen werden.

Und dies alles sind Auflagen, die wir für den Magnetenkredit erfüllen müssen. Aber warum eigentlich dieses Aufhebens um die Magneten? Das Problem ist, dass die Magneten in Tansania nicht erhältlich sind und zudem relativ teuer sind. Deshalb haperte es in den letzten drei Jahren meist an der Verfügbarkeit der Magneten, weshalb keine neuen Generatoren mehr gebaut werden konnten. Die aktuelle Bestellung soll ein Volumen von ca. 2500€ betragen. Die Summe ist für die Verhältnisse hier unglaublich hoch, ist aber durchaus sinnvoll, da die Transportkosten hoch sind und zudem so für den Bau einiger Generatoren gesorgt werden kann. Alle anderen Bauteile sind in Tansania und meist auch in der näheren Umgebung auch in kleinsten Mengen erhältlich, denn der Trend hier geht nicht zur großen Lagerhaltung, da meist keine großen Geldbeträge auf einmal vorhanden sind. Trotzdem wäre es im Bezug auf die Magneten für die letzten Jahrgänge ein kleines gewesen die Magneten beispielsweise aus Deutschland zu besorgen. Dieses wurde aber mit Absicht nicht gemacht, da die Eigenverantwortung der Schule gestärkt werden soll. Deshalb ist es umso toller, dass sich nach dem ganzen Leerlauf jetzt endlich selbstständig um die Magneten gekümmert wird.

Und auch die Auflagen sind wirklich sinnvoll. Ich habe das Gefühl, dass vorher noch nie eine Art Arbeitsplan erstellt wurde und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass kein so detaillierter Plan erstellt worden wäre ohne Druck der DTP. So sehen wir aber genau, was organisatorisch alles notwendig ist um diesen ambitionierten Plan durchzuführen und auch Nyambulapi und Kisukuli finden Gefallen an einer gewissen Ordnung in der Arbeit, zumal die beiden selber durch das lahme Management der Schule müde sind und sich offensichtlich freuen, dass was passiert.

So jetzt habe ich aber eine Menge zur aktuellen Arbeitslage geschrieben. Wie es genau weitergeht mag ich jetzt aber noch nicht einschätzen. Ich denke mir es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Hier ist es einfach viel schwieriger viele Dinge zu verwirklichen. Es gibt einfach so viele erschwerende Faktoren, die die Arbeit so sehr verlängern können. Manchmal ist es ein Bohrer M10, der einfach nicht auffindbar oder verfügbar ist, aber unbedingt gebraucht wird. Dann bin ich aber auch oftmals wieder erstaunt, wie gut improvisiert werden kann und wie viele Ideen dafür da sind, wie man Dinge günstiger lösen kann, als wir es z.B. beim Seminar gemacht haben. Ich denke ich muss euch schnell mal ein paar Bilder von unserer aktuellen Werkstatt schicken, damit ihr mal sehen könnt, wo wir arbeiten. Auch schon mal generell ein Versprechen dafür, dass ich mich jetzt mal dran mache ein paar Bilder von der bezaubernden Umgebung hier zu schießen.

-ENDE DES ARBEITSTEILS-

Ansonsten komme ich im Moment auch kaum dazu mich mal an meinen Laptop zu setzen um einen Blogeintrag zu verfassen. Auch viele der Mails die ich fast jeden Tag bekomme brauchen ihre Zeit, bis sie eine Antwort bekommen. Ich hoffe ihr habt Verständnis dafür. Wir sind jetzt auch angefangen hier Fußball zu spielen. Es macht auf jeden Fall riesen Spaß sich hier unter die Leute zu mischen.  Und auch für die meisten Schüler hier ist es ein Spaß mit uns zu spielen. Wenn man mal über den Ball haut gibt es gleich was zu lachen für alle. Das macht menschlich und mit ein wenig Selbstironie haben alle ihren Spaß. Gestern waren wir auch das erste Mal bei einer Chorprobe. Wer mich kennt, weiß über meine Sangeskünste Bescheid, trotzdem wurde mir versichert ich werde es bald können. Ich bin noch skeptisch. Trotzdem ist auch das ein Spaß und beeindruckend schön, solange ich meinen Mund zu lasse.

Ach ja vorletztes Wochenende waren wir noch in Iringa, der nächstgrößeren Stadt und haben einen geschichtsträchtigen Felsen erklommen, von dem aus wir einen tollen Ausblick über die Stadt hatten. Hier mal einfach ein Foto dazu.  Die Geschichte besagt, dass das Oberhaupt der Hehe hier viel meditiert hat. Die meisten Menschen hier gehören zum Stamm der Hehe. Die Stämme spielen immer noch eine Rolle und jeder Stamm hat noch seine eigene Sprache, wobei Kiswahili von jedem gesprochen wird. Es gibt sehr viele Stämme in Tansania. Über 50, wenn ich mich richtig erinnere. Auch ich wurde schon Mal nach meinem Stamm gefragt. Und da ich irgendeinem Stamm angehören musste war ich in einem Fall einfach ein Ostwestfale.  Auf die Frage wie Kioswestfälisch geht, also die Sprache der Ostwestfalen konnte ich nur mit "Wat?" antworten. Iringa wurde übrigens von den Deutschen aufgebaut, während die Hehe einen Aufstand versucht haben, um von hier aus agieren zu können. Heute haben die Hehe die Stadt aber doch eingenommen. Außerdem habe ich auf meiner Blogseite noch ein paar Fotos von unserem Haus und ein paar schöne Eindrücke sogar von Dar hochgeladen.

So jetzt habt ihr es geschafft. Ich habe jetzt schon ein paar Hinweise mehr bekommen, meine Einträge seien zu lang und das sehe ich ja auch ein. Aber im Moment passiert einfach so viel und ich möchte einfach so viel teilen wie ich kann.

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