Mittwoch, 18. August 2010

Die Kulturbrille

Das Hauptziel des Vorbereitungsseminars war es uns auf die fremde Kultur vorzubereiten, weshalb ich dem Thema nochmal einen gesonderten Beitrag widmen möchte. Zwar dachte ich vor dem Seminar sehr offen zu sein und gut in die fremde Kultur eintauchen zu können, doch im Seminar haben wir unsere Grenzen erfahren. Anhand von kleinen Spielen ist uns deutlich geworden, wie schnell wir doch auf die deutsche Denkschiene geraten und Situationen völlig missverstehen können. Wir haben gemerkt, dass tief in uns verwurzelt Normen und Werte sind, denen wir nur schwer entfliehen können. Eine Art Kulturbrille, die uns Situationen unterbewusst bewerten lässt und die Realität verzerren kann.

Ich möchte dies an der fiktiven Kultur der Einwohner von Insel Albatros deutlich machen. Wir stellen uns vor zusammen mit einigen anderen Urlaub auf Albatros zu machen und sitzen mit anderen Urlaubern in einem Kreis. Es kommen zwei Einheimische hinzu. Vorne geht der Mann, hinter ihm die Frau. Beide summen und gehen drei Runden um den Sitzkreis herum. Bei jedem der seine Beine überkreuzt hat, geben sie Zischlaute von sich und stellen die Beine auseinander. Anschließend setzen sie sich hinzu. Der Mann auf einen Stuhl, die Frau auf den Boden. Der Mann trägt Schuhe, die Frau ist barfuß. Der Mann nimmt sich einen Teller Erdnüsse und isst eine, dann gibt er den Teller der Frau, die nach ihm isst. Wenn die Frau fertig gegessen hat, legt der Mann seine Hand in den Nacken der Frau, führt den Kopf zu Boden und verharrt einige Zeit so. Die Einheimischen gehen wieder und lassen uns ratlos zurück.


Wie würden wir spontan diesen Ablauf bewerten? Wie ist z.B. die Stellung zwischen Mann und Frau? Uns wurde dieser Ablauf vorgespielt und ähnlich Fragen an uns gerichtet. Es kamen Antworten, wie "die Frau ist dem Mann ganz klar untergeordnet". Und so geht es den Meisten, denn eine solche Handlungsweise in unserem Kulturraum würde genau dies bedeuten. In der Auflösung gab es für jede Handlungsweise eine Begründung: Der Mann geht vorweg, um die Frau vor Gefahren zu schützen. Außerdem wird der Gott der Erde verehrt, weshalb es eine Ehre ist mit bloßen Füßen zu laufen, die nur Frauen zuteilwird und weshalb es nicht gestattet ist die Beine zu überkreuzen und den Kontakt zu verlieren. Außerdem muss der Mann das Essen Vorkosten, um seine Frau vor Gefahren zu schützen.

Klar, dies ist eine fiktive Situation, aber mir hat sie gezeigt, dass ich noch um einiges sensibler sein muss, um die fremde Kultur zu verstehen. Ich muss in meinen Bewertungen sehr vorsichtig sein. Es ist praktisch kaum möglich die Kultur komplett zu verstehen, da die Grundwerte schon in so früher Kindheit gelegt wurden, dass man ihnen kaum noch entfliehen kann. Dies ist auch der Grund dafür, dass viele freiwillige Helfer in Drittweltländern als Rassisten zurückkommen. Sie verstehen die fremde Kultur falsch und bauen Frust auf, den sie dann in Vorurteilen abladen. Zudem gibt es natürlich auch individuelle Unterschiede, die auf keinen Fall verallgemeinert werden dürfen. Es ist auch wichtig, dass ihr meine Berichte aus Tansania immer als subjektive Berichte wahrnehmt, wobei es meine Intention ist, so reflektiert und genau wie möglich zu schreiben.

Lange Rede kurzer Sinn: Mir ist klar geworden, dass ich gar nicht so frei und offen bin und sein kann, wie ich mir das wünsche. Deshalb muss ich umso vorsichtiger und genauer auf meine Umwelt achten. Ich muss akzeptieren die tansanische Kultur aufgrund meiner kulturellen Prägung nicht vollständig durchdringen zu können.


Außerdem wurde heute ein zweiter Zeitungsartikel zu meinem Jahr in Tansania veröffentlicht. Ein Interview, das ich gestern mit dem NW-Journalisten Felix Eisele geführt habe. Gerne nutze ich die Möglichkeit mit der Zeitung um weltwärts und Entwicklungszusammenarbeit populärer zu machen, schließlich sehe ich dies als eine Art Repräsentant auch als meine Aufgabe. Trotzdem  muss wie bei allen anderen Veröffentlichungen, wie auch hier auf dem Blog immer mit Vorsicht vorgegangen werden. Aussagen können von der Leserschaft, die oftmals vorher wenige Berührpunkte mit so einem Projekt hatten, schnell falsch verstanden werden und mein Ziel Vorbehalte abzubauen kann verfehlt werden. Mit dem Artikel heute, wie auch mit dem Letzten bin ich in der Summe sehr zufrieden:
http://www.nw-news.de/lokale_news/buende/buende/?em_cnt=3706031&em_cnt_page=1


Morgen gehts für mich los. Ich probier mich morgen nochmal zu melden und einen kleinen Blick in die nähere Zukunft zu geben. Bis dann...

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